Künstliche Intelligenz kann Bilder beschreiben oder Texte vereinfachen und macht viele Informationen dadurch leichter zugänglich. Gerade für Menschen mit Sehbeeinträchtigung eröffnen sich damit neue Möglichkeiten im Alltag. Selten wird allerdings gefragt, wie barrierefrei diese Anwendungen eigentlich selbst sind.
Eine Anwendung kann inhaltlich noch so hilfreich sein. Wenn sich ihre Oberfläche allerdings nicht zuverlässig bedienen lässt, kommt ein Teil der Nutzerinnen und Nutzer gar nicht erst an die guten Ergebnisse heran. Im vierten Beitrag unserer redaktionellen Reihe schaut sich Julian Rohlfing, Fachberater „Sehen“ beim Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben für Menschen mit Sinnesbehinderung (KSL-MSi-NRW), die Werkzeuge genauer an, mit denen Menschen mit Sehbeeinträchtigung täglich arbeiten.
Was Menschen mit Sehbeeinträchtigung in der Bedienung brauchen
Wer wenig oder gar nicht sieht, nutzt am Computer oder Smartphone meist ein oder mehrere Hilfsmittel. Ein Screenreader liest vor, was auf dem Bildschirm steht, also Texte, Schaltflächen und Menüpunkte. Eine Braillezeile gibt diese Inhalte in tastbarer Punktschrift aus, sodass sich auch längere Texte zeilenweise erfassen lassen. Vergrößerungssoftware hilft Menschen mit Restsehvermögen dabei, einen Bildschirmausschnitt größer und kontrastreicher darzustellen.
Damit diese Hilfsmittel funktionieren, müssen Anwendungen einige Voraussetzungen erfüllen [1]. Schaltflächen müssen so beschriftet sein, dass ein Screenreader vorlesen kann, was sie tun. Sehenden Menschen fällt eine unbeschriftete Schaltfläche kaum auf. Wer dagegen mit dem Screenreader arbeitet, landet an dieser Stelle oft in einer Sackgasse. Außerdem sollten Inhalte in einer sinnvollen Reihenfolge angeordnet sein, und wenn sich etwas auf dem Bildschirm verändert, muss das angekündigt werden [2]. Wer mit starker Vergrößerung arbeitet, ist darauf angewiesen, dass die Darstellung auch bei hoher Zoom-Stufe übersichtlich bleibt.
In der Praxis sind diese Voraussetzungen längst nicht überall erfüllt.
Wo bei allgemeinen KI-Tools Hürden auftreten
ChatGPT und Claude gehören zu den bekanntesten KI-Anwendungen, mit denen Menschen heute im Alltag arbeiten. Sie sind nicht speziell für blinde oder sehbehinderte Nutzerinnen und Nutzer entwickelt worden, werden aber selbstverständlich auch von ihnen verwendet. Wie zugänglich sie sind, betrifft deshalb viele Menschen unmittelbar.
Manches hat sich in den vergangenen zwei Jahren spürbar verbessert. Beim ChatGPT-Webclient lassen sich Nachrichten inzwischen über Überschriften ansteuern, sodass man mit dem Screenreader leichter von einer Antwort zur nächsten springen kann [3]. Auch Vorlesefunktionen und die Smartphone-Apps können im Alltag hilfreich sein.
An anderen Stellen hakt es jedoch weiterhin. Während ChatGPT eine Antwort erzeugt, blendet das Programm Lade-Animationen ein, die ein Screenreader mitunter als lange Folge von Zeichen vorliest [4]. Bei Claude wird das Ende einer Antwort nicht immer zuverlässig angekündigt, sodass Nutzerinnen und Nutzer ohne Blick auf den Bildschirm nicht sicher wissen, ob die KI noch schreibt oder längst fertig ist [5]. Solche Kleinigkeiten wirken zunächst harmlos, summieren sich im Arbeitsalltag aber zu spürbaren Hindernissen.
Ein Praxistest des PageLive-Projekts dokumentierte im März 2026 ein besonders deutliches Beispiel. Der Dialog mit den Tastenkürzeln in Claude ließ sich mit dem Screenreader nicht zuverlässig nutzen, weil sein Inhalt für die Sprachausgabe nicht erreichbar war. Ausgerechnet das Hilfsmenü, das die Bedienung mit Tastatur und Screenreader erleichtern soll, war damit selbst nicht zugänglich [5].
An solchen Beispielen wird deutlich, dass es bei Barrierefreiheit nicht nur darum geht, ob ein Werkzeug überhaupt funktioniert, sondern auch darum, ob es sich selbstständig und ohne unnötige Umwege nutzen lässt.
Die Lücke zwischen Versprechen und Praxis
Viele Anbieter werben damit, dass KI Barrierefreiheit erleichtert oder sogar automatisch herstellt. Solche Versprechen halten in der Realität aber häufig nicht, was sie ankündigen. Casey Kreer, freiberufliche Beraterin für digitale Barrierefreiheit und selbst von Geburt an sehbehindert, formulierte es in einem Interview im DBSV-Magazin „Sichtweisen“ deutlich.
„Die dahinterstehenden Firmen sagen, sie benutzen Künstliche Intelligenz, um Dinge per Knopfdruck barrierefrei zu machen, aber in der Realität ist das alles nicht so funktional und erzeugt meistens noch mehr Barrieren.“ [6]
Sie warnt vor allem vor Werkzeugen, die versprechen, eine Webseite mit einem einzigen Klick barrierefrei zu machen, weil solche Lösungen oft neue Hürden schaffen, statt bestehende abzubauen. Eine grundsätzliche Ablehnung von KI verbindet sie damit nicht. Kreer nutzt selbst KI-Werkzeuge, etwa um sich Bilder beschreiben oder Webseiten zusammenfassen zu lassen. Wichtig ist ihr, dass Menschen die Technik selbstbestimmt einsetzen und die Verantwortung für Barrierefreiheit nicht an die Maschine abgeben.
Spezialisierte Anwendungen sind oft verlässlicher, aber nicht fehlerfrei
Anders sieht es bei Anwendungen aus, die von Anfang an für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelt wurden. Bekannte Beispiele sind „Be My Eyes“ mit der KI-Funktion „Be My AI“ und „Seeing AI“ von Microsoft [7]. Beide Apps nutzen die Kamera des Smartphones, um Bilder, Texte oder die Umgebung zu beschreiben.

Aktionstag Mai 2026 in Heiligenhaus: Gero Büskens (links) vom KSL.Düsseldorf, eine Person mit dem Alterssimulationsanzug (rechts) unter einem Pavillon;
Bildbeschreibung von „Be My AI“:
Zwei Personen unter einem blauten Pavillon bei einer Art Infostand im Freien.
Links steht eine Person mit kurz geschnittenen dunklen Haaren, Bart und Brille. Diese Person trägt ein blau-schwarz kariertes Hemd, eine Jeans und braune Schuhe und lächelt in die Kamera. An der Brust hängt ein Namensschild.
Rechts steht eine Person in einem umfangreichen schwarzen Simulations- oder Schutzanzug. Über einem hellrosa Pullover sind eine schwarze, gepolsterte Weste sowie schwarze Polster an Armen, Handgelenken, Knien und Schienbeinen befestigt. Die Person trägt zudem große Skibrillen-ähnliche Schutzbrille mit spiegelnden Gläsern, schwarze Handschule und weiße Turnschuhe mit rosa Details.
Hinter beiden Personen steht ein Tisch mit weißer Tischdecke, auf dem Infomaterial, Broschüren und einige Gegenstände liegen. Links vorne hängt an einem weiteren Tisch ein Plakat mit dem Foto einer Person in einem ähnlichen Anzug; darauf ist Text gedruckt; der größtenteils abgeschnitten ist, nur Teile wie „Simulationsanzug“ und „Perspektive!“ sind lesbar. Im Hintergrund befindet sich ein großer Baumstamm und einige weitere Menschen.
Mit dem Screenreader lassen sich diese Apps oft verlässlicher bedienen als allgemeine Chatbots, was auch daran liegt, dass die Zielgruppe an der Entwicklung beteiligt war. Bei Be My AI haben in der Erprobungsphase über 19.000 blinde und sehbehinderte Menschen mitgetestet und Rückmeldungen gegeben [8].
Fehlerfrei arbeiten aber auch diese Anwendungen nicht. Bei schwieriger Beleuchtung oder unruhiger Kameraführung werden Bildbeschreibungen ungenauer, aus einem Teppich wird dann schon einmal ein Handtuch, oder ein langhaariger Mann wird als Frau beschrieben. Bei einem Test des Netzwerks Inklusion mit Medien hat Be My AI das absichtlich geschriebene Wort „Schwesta*“ auf einem Flyer eigenmächtig zu „Schwester“ korrigiert, weil es die ungewöhnliche Schreibweise offenbar für einen Fehler hielt [9].
Bei vielen alltäglichen Aufgaben fallen solche Ungenauigkeiten kaum ins Gewicht. Wenn Be My AI an der Waschmaschine die Restlaufzeit falsch erkennt, wartet man eben ein paar Minuten länger. Bei einem Blutdruckmessgerät oder bei Medikamenten kann eine falsche Angabe dagegen ernste Folgen haben. Die KI liefert in solchen Momenten eine Vermutung und keine Gewissheit, weshalb dort ein sprechendes Messgerät die sicherere Wahl bleibt.
Eine Stimme aus der Praxis
Wie sich diese Fragen im Alltag anfühlen, beschreibt ein Nutzer aus Nordrhein-Westfalen, der früher im Handwerk gearbeitet hat und heute mit Blindheit lebt. Er möchte anonym bleiben.
Du hast früher im Handwerk gearbeitet. Wenn du heute KI nutzt, gibt es dabei eine Situation, in der sie dir wirklich hilft?
„Ich habe seit kurzer Zeit eine Brille mit KI-Funktion. Die hilft mir im Alltag weiter, zum Beispiel um mir ansagen zu lassen, ob die Ampel rot oder grün ist. Allerdings benutze ich sie nur in Begleitung. Die KI-Apps benutze ich noch nicht, da bin ich in der Erprobungsphase. Für die Navigation nutze ich die Spracherkennung meines Smartphones. Wenn mir eine App einen Brief beschreibt oder einen Text vorliest, ist das eine echte Hilfe. Aber ich muss mich darauf verlassen können, dass ich die Anwendung selbst bedienen kann.

Ein Nutzer lässt sich auf seinem Smartphone einen Text vergrößert anzeigen. (Foto: Orcam)
Und wo brauchst du Kontrolle oder eine zweite Rückmeldung?
„Ich habe immer noch Zweifel an der Sicherheit, ob das wirklich stimmt, was angezeigt wird. Ich würde gerne eine Kontrollinstanz haben. Wenn ein Gerät im entscheidenden Moment hakt, nützt die beste Technik nichts. Genauso erlebe ich es auch bei KI. Sie kann viel erleichtern, aber wenn die Bedienung nicht barrierefrei ist, stehe ich wieder vor der nächsten Baustelle.“
Solche Erfahrungen zeigen, worum es bei Barrierefreiheit im Alltag geht. Sie entscheidet darüber, ob jemand eine Anwendung selbstständig nutzen kann oder ob immer wieder Hilfe nötig wird. Wenn KI in immer mehr Lebensbereichen eine Rolle spielt, beim Lernen, im Beruf oder im Kontakt mit Behörden, dann ist die Bedienbarkeit dieser Werkzeuge keine Nebenfrage.
Was daraus folgt
Wenn KI mehr Teilhabe ermöglichen soll, reicht es nicht, dass sie über Inklusion spricht oder nützliche Funktionen anbietet. Sie muss auch selbst so gestaltet sein, dass Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen sie ohne unnötige Hürden bedienen können. Die Bedienbarkeit gehört damit zum Kern digitaler Teilhabe.
Auch rechtlich rückt das Thema näher an die Praxis heran. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz stellt für bestimmte digitale Produkte und Dienstleistungen Anforderungen an die Barrierefreiheit [10]. Die europäische KI-Verordnung ergänzt diesen Rahmen, allerdings nicht als Barrierefreiheitsgesetz, sondern mit Blick auf Verantwortung, Transparenz und Risiken beim Einsatz von KI-Systemen [11]. Daneben zeigt die Praxis immer wieder, dass Anwendungen, bei denen Barrierefreiheit von Beginn an mitgedacht wird, im Alltag verlässlicher funktionieren als solche, bei denen sie nachträglich ergänzt werden muss.
Eine KI ist nicht schon deshalb inklusiv, weil sie über Inklusion spricht, sondern erst dann, wenn alle Menschen sie selbstständig bedienen können.
Wir freuen uns über Ihr Feedback

Nach unseren Punkten würde das KSL.Düsseldorf gerne erfahren, welche Erfahrungen Sie mit KI gemacht haben. Nutzen Sie Funktionen im Alltag oder bei der Arbeit? Sehen Sie bestimmte Anwendungen als besonders effektive Unterstützung bei Beeinträchtigungen? Gibt es Entwicklungen, die Sie positiv oder kritisch sehen? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.
Kontaktieren Sie uns gerne und kommen Sie mit uns zum Thema „Künstliche Intelligenz und Inklusion“ ins Gespräch:
Telefon: 0152 0940 7318
E-Mail: bueskens@ksl-duesseldorf.de
Autor: Julian Rohlfing, Fachbereich Sehen, KSL-MSi-NRW, Juni 2026
(Bildbeschreibung Aufmacherbild (KI-generiert): Ein junger Mann mit Blindenstock sitzt auf einem Sofa und schaut in Richtung eines Bildes, das an der Wand hängt. Er spricht in sein Smartphone: "Bitte beschreibe das Bild". Die Sprachausgabe beschreibt das Bild.)
Quellen
[1] W3C: Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2. 2023. https://www.w3.org/TR/WCAG22/ (Abruf am 1. Juni 2026).
[2] W3C: Understanding Success Criterion 4.1.3: Status Messages. https://www.w3.org/WAI/WCAG22/Understanding/status-messages.html (Abruf am 3. Juni 2026).
[3] Illinois State University: Tips for Using Assistive Technology with ChatGPT. Help Center. https://help.illinoisstate.edu/accessibility/website-and-digital/tips-for-using-assistive-technology-with-chatgpt (Abruf am 1. Juni 2026).
[4] CapTech Consulting: Artificial Intelligence & Accessibility. A Look into ChatGPT. 2023. https://www.captechconsulting.com/technical/artificial-intelligence-accessibility-a-look-into-chatgpt (Abruf am 10. Juni 2026).
[5] PageLive Project (wiscer): Screen Reader Experience Analysis on claude.ai. 2026. https://dev.to/wiscer/screen-reader-experience-analysis-on-claudeai-433a (Abruf am 2. Juni 2026).
[6] Kreer, Casey: KI: Chancen und Gefahr. In: Sichtweisen (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband). 2023. https://sichtweisen-online.org/im-gespraech/ki-chancen-und-gefahr (Abruf am 4. Juni 2026).
[7] Microsoft: Seeing AI. A Visual Assistant for the Blind. https://www.seeingai.com/ (Abruf am 3. Juni 2026).
[8] Be My Eyes: Announcing „Be My AI“, Soon Available for Hundreds of Thousands of Be My Eyes Users. 2023. https://www.bemyeyes.com/news/announcing-be-my-ai-soon-available-for-hundreds-of-thousands-of-be-my-eyes-users/ (Abruf am 1. Juni 2026).
[9] Netzwerk Inklusion mit Medien (LAG Lokale Medienarbeit NRW e. V.): Be My AI. 2023. https://www.inklusive-medienarbeit.de/be-my-ai/ (Abruf am 2. Juni 2026).
[10] Bundesfachstelle Barrierefreiheit: Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. https://www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de/DE/Fachwissen/Produkte-und-Dienstleistungen/Barrierefreiheitsstaerkungsgesetz (Abruf am 4. Juni 2026).
[11] Europäische Kommission: AI Act. Shaping Europe’s Digital Future. https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai (Abruf am 2. Juni 2026).