Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember hat das KSL Düsseldorf Jessica van Bebber interviewt. Sie ist 37 Jahre alt, lebt mit Mann und zwei Kindern (zehn und zwölf Jahre) in Düsseldorf und ist beruflich im Gesundheitswesen tätig. Ihr Sehvermögen ist stark eingeschränkt, seit ihrem 18. Lebensjahr gilt sie als gesetzlich blind. In den letzten Jahren hat sich ihr Sehvermögen nochmal verringert, so dass sie kaum noch visuelle Möglichkeiten hat. Daher ist sie sehr auditiv und taktil unterwegs und hat auch einen Blindenführhund an ihrer Seite. 

Das KSL Düsseldorf sprach mit ihr über ihre Wünsche an ihre Mitmenschen, die Politik und die Arbeitswelt. Zudem berichtet Jessica van Bebber über ihren Alltag mit ihrem Blindenführhund und über ihre Erfahrungen zum Thema Barrierefreiheit in der digitalen Welt.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft und der Politik im Umgang mit Ihrem Handicap?

Dass das Thema Handicap mehr Präsenz in der Gesellschaft hat. Es wird sehr oft mit Menschen in Verbindung gebracht, die im Rollstuhl sitzen. Auch zum Beispiel über Piktogramme. 

Viele Menschen verbinden Blindheit oder eine hochgradige Sehbehinderung fast nur mit älteren Menschen. Sie wissen oftmals nicht, dass es auch jüngere Menschen gibt, die nicht so gut sehen können. Und sie haben auch viele Berührungsängste. Viele Menschen wissen leider nicht, wie sie mit einer Beeinträchtigung anderer Personen umgehen sollen. Es entstehen viele Missverständnisse und auch viele Gedanken wie: „Die sieht nichts, die Arme, die kann das gar nicht.“ Man wird sehr schnell in eine Richtung geschoben. Das ist schon schade. 

Was ich auch ganz wichtig finde, ist das Thema Übergriffigkeit. Es gibt Menschen, die interessiert sind und helfen wollen. Aber sie fragen einen zum Beispiel in Bus und Bahn oder in Arztpraxen, also im öffentlichen Raum, aus. Es ist ok, wenn man mal eine Frage stellt, aber man muss jemanden nicht bis aufs Detail ausfragen. 

Ich wünsche mir auch seitens Politik, dass das Thema Menschen mit Beeinträchtigung eine größere Präsenz hat. Menschen, die mit dem Thema Handicap keine Berührungspunkte haben, sollen eine größere Chance bekommen, sich damit auseinanderzusetzen. Und wenn sie es dann getan haben, bringen sie hoffentlich Menschen mit Handicap mehr Respekt entgegen. Oftmals wird nur die Behinderung gesehen und nicht der Mensch an sich. Das trifft nicht nur auf mich, als Nicht-Sehende, sondern auch auf viele andere Personen, die ein Handicap haben, zu. Das ist einfach ein Grundschritt, dass viel mehr Offenheit und auch viel mehr Respekt bestehen sollte. Dass man alle gleichsieht. 

Was sollte sich in der Arbeitswelt für Menschen mit Handicap ändern?

Es gibt nach wie vor viel Unsicherheit und Unwissenheit. Arbeitgeber wissen oftmals die Fähigkeiten von Menschen mit Handicap nicht zu schätzen. Viele denken: „Ich bleibe beim Altbewährten, ich nehme lieber jemanden, der keine Beeinträchtigung hat, da muss ich mich nicht darum kümmern. Das wäre mir alles zu aufwändig.“ Viele Arbeitgeber sehen bei der Einstellung eines Menschen mit Beeinträchtigung den Mehraufwand, der dahintersteckt. Natürlich ist es etwas mehr Aufwand, jemanden mit Handicap einzustellen. Es ist aber auch nicht der große Aufwand, den manche befürchten. Da würde ich mir mehr Engagement von der Agentur für Arbeit, von den Landschaftsverbänden, von Inklusionsämtern und von den Fachdiensten wünschen. Dass sie den Arbeitgebern die Angst und die Unsicherheit nehmen. Zudem würde ich mir auch mehr Mut und Offenheit von Arbeitgebern wünschen, dass sie sich dem Thema Mitarbeit von Menschen mit Beeinträchtigung mehr öffnen. Und der Dschungel an Anträgen sollte für Arbeitgeber unkomplizierter werden. 

Ich kenne viele Menschen, die wirklich gut qualifiziert sind, die aber selber nicht die Chance bekommen, ihr Talent zu zeigen. Das finde ich immer so schade. Wir sprechen immer von Integration, von Inklusion. Man spricht halt darüber, es bleibt aber auch dabei. 

Wichtig finde ich, dass viel mehr für Menschen mit Beeinträchtigungen getan wird, damit sie in den Arbeitsmarkt integriert werden. Beispielsweise werden für Menschen mit Beeinträchtigungen Weiterbildungen oftmals nicht bezahlt. Im Gegensatz zu Menschen mit Migrationshintergrund. Das muss sich einfach grundlegend ändern. 

Wie ist Ihr Alltag als Mama mit Handicap?

Als Mama von zwei Kindern komme ich zurecht. Ich kann meinen Alltag genauso bestreiten wie andere Mütter. Ich habe einige Stunden in der Woche eine Elternassistenz.  

Mein Wunsch gegenüber Einrichtungen, Behörden, aber auch anderen Eltern ist, dass, wenn irgendetwas nicht klappt, dies nicht immer auf das Handicap zurückgeführt wird. Das macht mich einfach sehr traurig, dass ich sehr oft unter Beobachtung stehe. 

Wie gestaltet sich Ihr Leben mit einem Blindenführhund und was sollten die Mitmenschen beachten?

Mit meinem Hund klappt der Umgang meist sehr gut. Ich habe ihn Ende 2018 bekommen. Das ist mein erster Blindenführhund. Ich musste mich erstmal komplett hereinfinden: Ich musste lernen, mit ihm zu laufen und mit ihm umzugehen. Er ist nicht wie ein Blindenstock, den man in die Ecke stellen kann. Ich muss für ihn da sein. Auch innerhalb der Familie musste erlernt werden, dass der Hund zu bestimmten Zeiten nicht angesprochen werden oder angefasst werden darf, da der Hund eine Aufgabe hat. Das klappt mittlerweile gut. 

Jessica van Bebber mit Blindenführhund

Anders ist es oftmals in der Öffentlichkeit. Einrichtungen verweisen oft den Zutritt mit Hund, mit der Begründung, es sei ein Hund und Hunde dürfen nicht hinein. Oft muss ich erklären, dass er ein Assistenzhund ist, der vor dem Gesetz als Hilfsmittel gilt und daher genauso mitgenommen werden darf wie ein Rollstuhl oder ein Rollator oder dergleichen. Das ist jedes Mal die selbe Diskussion. Das ist einfach sehr, sehr mühselig. Gerade auch im Gesundheitsbereich. Das ist es ganz extrem, was ich nie gedacht hätte. Gerade auch in Krankenhäusern. Abgesehen vom OP, der Intensivstation, dem Labor und Ähnlichem müssten alle anderen Bereiche für mich mit Hund zugänglich sein, wie für Menschen mit Straßenschuhen oder mit Rollstuhl oder mit Rollator. Die bringen genauso Schmutz herein wie ein Hund auch. Das finde ich sehr schade, dass der Hund sehr oft aus hygienischen Gründen vehement abgelehnt wird. Das ist aber nicht richtig. 

Bei planbaren Arztterminen ist die Mitnahme des Hundes zwar oft vorab ein Thema, worüber diskutiert wird, aber in der Regel machbar. Schwierig ist es, wenn ich spontan zu einem Arzt muss, den ich noch nicht kenne, oder wenn ich in die Ambulanz eines Krankenhauses muss. 

In Lebensmittelgeschäften hatte ich auch immer wieder mal Probleme, aber es ist machbar. Wo es mehr Probleme gibt, ist beim Taxifahren. In Düsseldorf geht es mittlerweile ganz gut. Wenn ich ein Taxi vorbestelle und mitteile, dass ich einen Blindenführhund dabeihabe, dann wird ein Fahrer geschickt, der mit Hunden keine Schwierigkeiten hat. Aber wenn ich spontan ein Taxi benötige, also, wenn ich zum Beispiel zu einem Taxistand gehe, dann ist es schon schwieriger – auch hier in Düsseldorf. Da wäre es auch schön, wenn sich da etwas ändert. Dass es eine Selbstverständlichkeit wird, wenn der Hund als Hilfsmittel immer mitkommen darf. Und dass man nicht immer aufs Neue diskutieren muss.

Wie sieht es mit der Barrierefreiheit in der digitalen Welt aus?

Die digitale Welt ist nach oben hin sehr ausbaufähig. Es erschreckt mich doch immer wieder, wie viele Einrichtungen sich vehement dagegen wehren, obwohl sie wissen, dass digitale Barrierefreiheit dringend erforderlich ist. Das sind nicht unbedingt die privaten Unternehmen, sondern eher die Behörden, der öffentliche Bereich. 

Ich habe ein bisschen die Hoffnung gehabt, dass sich durch Corona noch Einiges verändern wird. Viele private Unternehmen haben da wirklich einen guten Fortschritt gemacht. Aber der öffentliche Dienst hängt da doch noch hinterher. Beispielsweise bei Webseiten oder Apps. Viele Apps sind teilweise sehr visuell, aber überhaupt nicht barrierefrei.

Auch das Thema digitale Dokumente ist sehr wichtig. Oft sind Dokumente gar nicht digital verfügbar. Und wenn sie verfügbar sind, sind sie mit entsprechenden Hilfsmitteln, wie einer Sprachausgabe, gar nicht bedienbar. Ich benötige in der Regel immer jemanden, der mir hilft. Das ist schon schade. Da wäre es auch schön, wenn sich da viel mehr tun würde und ich viel selbstständiger sein könnte. Praktisch wäre es, wenn ich das Formular auch online ausfüllen könnte und ich das Formular, das online verfügbar ist, nicht ausdrucken muss und ein Sehender es ausfüllen muss, weil man es selbst am PC nicht bearbeiten kann. 

Genauso ist es auch zum Beispiel bei einem Gang zu einer Behörde. Da ist es erschreckend, wie wenig Hilfen es dort gibt. Ich bin normalerweise ein sehr selbstständiger Mensch, aber ich kann im Bürgerbüro beispielsweise einen Ausweis nicht alleine abholen. Es fängt schon bei der Terminvergabe an. Die Terminvergabe erfolgt mittlerweile online. Aber der Kalender ist für Blinde gar nicht nutzbar. Ich brauche somit einen Sehenden, der für mich einen Termin vereinbart. Am Telefon läuft nur ein Band und das Band bietet in der Regel keine Termine an. Vor Ort kann ich die Nummer, die ich bei der Terminvergabe bekommen habe, an der Anzeigetafel nicht sehen. Und sie wird auch in keiner Weise akustisch dargestellt. Da bin ich dann auch von einem Sehenden abhängig.

Es gibt Städte, die achten in dieser Hinsicht mehr auf Barrierefreiheit. Aber in Düsseldorf klappt das nicht, obwohl wir eine Landeshauptstadt sind. Das Problem wurde schon oft von Blindenvereinen benannt. Und ich habe das Gefühl, es wird einfach nur nach hinten geschoben. Es ist halt schade. 

Vielen Dank für das Gespräch!
 

Jessica van Bebber mit ihrem Blindenführhund
Jessica van Bebber mit ihrem Blindenführhund