Beitrag 5: „KI hat großes Potenzial“ – Interview mit Peer-Beraterin Jeannette Kapere
Jeannette Kapere ist Sprach- und Sprechtherapeutin und staatlich anerkannte Logopädin mit langjähriger Berufserfahrung. Ein prägendes Element ihrer Biografie ist ein schwerer Autounfall im Jahr 2002 mit Schädel-Hirn-Trauma und inkomplettem Querschnitt. Für kurze Strecken nutzt sie einen Rollator, für längere Strecken ist sie auf ihren Elektro-Rollstuhl angewiesen.
Jeannette Kapere bietet in Ratingen als Peer ehrenamtliche Beratungen mit den Schwerpunkten Sprache, Schluckstörungen, Demenz, Inkontinenz, Pflegegrad und Schwerbehindertenausweis an.
In ihrem beruflichen und privaten Alltag begleitet sie auch das Thema Künstliche Intelligenz. Im Kontext der Reihe „KI für alle“ sprach das KSL.Düsseldorf mit ihr über Vor- und Nachteile und Entwicklungsbedarf von Künstlicher Intelligenz im Zusammenhang mit Inklusion.
Gero Büskens: Vielen Dank, Frau Kapere, dass Sie zu uns gekommen sind, um Ihre Erfahrungen zum Thema KI zu teilen. Starten wir mit der ersten Frage: Welche KI-Anwendungen nutzen Sie in Ihrem beruflichen oder privaten Alltag?
Jeannette Kapere: Ich benutze die Chatbots ChatGPT* und Gemini* zusammen mit Prompts, genauer gesagt mit verfeinerten Prompts – sowohl zur Recherche als auch zum Aufbessern von Briefen. Ich habe eine psychische Erkrankung und da ist es manchmal schwierig für mich, den Text empathisch genug zu gestalten. Da können dann KI-Chatbots wie ChatGPT oder Gemini drüber gehen. Meistens auch beide. Und dann schaue ich, ob meine Version die bessere ist oder ob ich noch ein paar strukturelle Verbesserungen vornehmen kann.
Gero Büskens: Das setzt schon bei der zweiten Frage an. Welche Vorteile sehen Sie bei der Nutzung von KI, insbesondere im Kontext Ihrer Beeinträchtigung?
Jeannette Kapere: Es ist hilfreich für mich bei motorischen Problemen, die KI – genauer gesagt Voice-to-Text (Anmerkung der Redaktion: „Spracherkennung“) – mitlaufen zu lassen. Auch wenn ich eine WhatsApp schreibe, eine sehr lange, dann lasse ich die KI mitlaufen. Getippt wären zu viele Fehler enthalten – aufgrund spastischer Finger.
Auch auf der psychischen bzw. emotionalen Ebene hilft mir KI. Beispielsweise kann die KI noch Variationen in einen Text einbauen.
Ich benutze aber auch zum Beispiel den Mood-Tracker „Bearable“, der, vergleichbar mit einem Tagebuch, die Stimmung festhalten kann. So kann ich ein bisschen mehr herausfinden, wann meine Stimmung kippt und wann nicht. Dies kann kein Arzt genau beurteilen. Früher habe ich Tagebuch geschrieben, das ist mir jetzt mit meiner motorischen Einschränkung aber zu viel. Und jetzt mache ich das mit diesem Mood-Tracker. Er kann Muster erkennen. Damit bekomme ich Hinweise, was in welchen Situationen passieren könnte. Dies führt bei mir zu mehr Selbstwirksamkeit und auch zu mehr Eigenständigkeit.
Ich spreche auch manchmal mit der KI und die lernt einen kennen. Man kann ihr zum Beispiel beibringen, dass sie nicht immer am Ende noch fragt, ob die Antwort gut war oder ob man etwas anderes haben möchte. Aber man muss natürlich gut aufpassen. Man muss auf die richtige Fährte gebracht werden und dann beispielsweise mit Literaturrecherche nachprüfen, ob das, was die KI gerade vorgeschlagen hat, auch richtig ist oder nicht. Und da sehe ich die große Gefahr.
Gero Büskens: Genau, das setzt schon bei der nächsten Frage an: Inwiefern helfen KI-Anwendungen Ihnen in ihrem Alltag zu mehr Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Teilhabe?
Jeannette Kapere: Früher war ich komplett eingeschränkt in Bezug auf Tippen, weil ich das von der Handmotorik her gar nicht an der Tastatur konnte. Da sind verschiedene KI-Anwendungen mit der Bedienung per Sprache nun sehr hilfreich. Beispielsweise sind sie auch nützlich beim Erklären von Gebrauchsanleitungen. Das funktioniert dann meist gut. Vor allen Dingen, weil KI auch lernt, wie man es braucht. Und ich kann in natürlicher oder einfacher Sprache nachfragen.
Gero Büskens: Sie haben es eben schon einmal angeschnitten und unsere vierte Frage ist: Wo sehen Sie bei KI-Anwendungen Herausforderungen oder sogar Nachteile für Menschen mit Behinderung?
Jeanette Kapere: Die Bedienung von KI erfordert bestimmt kognitive Voraussetzungen. Beispielsweise können meine Logopädie-Patienten mit app-basierten Programmen zwischen Terminen Übungen machen. Der Therapeut leitet die Patienten an. Für viele körperlich beeinträchtigte Menschen ist es oftmals kein Problem, das volle Potenzial von KI zu nutzen. Wenn man allerdings nicht kognitiv fit ist, braucht man jemanden, beispielsweise einen Assistenten, der die KI-Nutzung begleitet.
Aber KI ist auf jeden Fall, wenn man sie richtig anwendet, eine Erleichterung. Man spart beispielsweise auch Geld. Ich selektiere zum Beispiel mithilfe von KI vor, welche Literatur ich mir besorge. Ich habe früher viel öfter Fehlkäufe von Büchern getätigt, bis ich beim richtigen gelandet bin.
Und natürlich ist die Gefahr, dass Jobs wegrationalisiert werden. Zudem muss man bei KI-Nutzung das Urheberrecht stets beachten und angeben, dass KI genutzt wurde.

Gero Büskens: Kommen wir zur letzten Frage: Welchen Entwicklungsbedarf sehen Sie aktuell bei KI? Oder würden Sie sich bei KI auch etwas im Hinblick auf Inklusion und Behinderung für die Zukunft erhoffen? Als Entwicklung zum Beispiel.
Jeannette Kapere: Ich bin derzeit mit den KI-Anwendungen, die ich habe, zufrieden.
Es wäre allerdings schön, wenn im Bereich Behinderung die KIs mehr Einzug nehmen würden. Da würde ich mir mehr Entwickler und Tüftler wünschen, die so etwas selbst in die Hand nehmen. Aber ich glaube, da schwimmt man gegen diese Riesenlobby der Medizin.
Ich kann ein Beispiel geben: Es gibt verschiedene Apps, beispielsweise „HeadApp“ und „myReha“. Eine wird von fast allen großen gesetzlichen und von fast allen privaten Krankenkassen bei Schädel-Hirn-Trauma, Schlaganfall, Demenz und weiteren Krankheiten bezahlt. Damit kann man kognitives und neuropsychologisches Training machen. Das wissen nur ganz wenige Personen. Diese App ist richtig genial und man kann sie auf dem Handy oder Tablet nutzen. Aber Sozialarbeiter und Personen, die kognitiv-neuropsychologisches Training machen, fühlen sich angegriffen und haben Angst, dass ihr Job demnächst weg ist. Sie sehen KI als Gefahr.
In meiner ehrenamtlichen Arbeit mache ich die Erfahrung, dass Klienten gegenüber KI-gestütztem kognitiv-neurologischem Training in Form von Spielen meistens aufgeschlossen sind. Die Spiele wirken wie Training. Aber nicht jeder Ansatz ist für jeden passend.
Man kann KI-Anwendungen auch mit einem Smart-TV verbinden und beispielsweise einen Spiele-Nachmittag in einer Gruppe auf einem großen Bildschirm veranstalten und beispielsweise Memory machen. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten.
Gero Büskens: Würden Sie uns zum Abschluss noch einen Satz zu KI mitgeben?
Jeannette Kapere: KI hat Potenzial. Großes Potenzial.
Gero Büskens: Frau Kapere, wir bedanken uns herzlich für das freundliche Interview.
Weitere Infos und Kontakt zu Jeannette Kapere: www.ksl-duesseldorf.de/de/node/7129
Wir freuen uns über Ihr Feedback

Nach unseren Punkten würde das KSL.Düsseldorf gerne erfahren, welche Erfahrungen Sie mit KI gemacht haben. Nutzen Sie Funktionen im Alltag oder bei der Arbeit? Sehen Sie bestimmte Anwendungen als besonders effektive Unterstützung bei Beeinträchtigungen? Gibt es Entwicklungen, die Sie positiv oder kritisch sehen? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.
Telefon: 0152 0940 7318
E-Mail: bueskens@ksl-duesseldorf.de
Hier gelangen Sie zur Themenkachel „KI und Inklusion“ mit weiteren interessanten Beiträgen: https://ksl-duesseldorf.de/de/themen/189/kuenstliche-intelligenz-ki-und-inklusion
*ChatGPT ist ein Dialogsystem, das in Form eines Chat-Bots (engl. Roboter) mit Nutzer*innen interagiert. Bereitgestellt wird das Programm von OpenAI (AI = Artificial Intelligence). Es kann Sprache analysieren, verstehen und Antworten formulieren.
*Gemini ist eine sogenannte multimodale KI von Google. Sie kann Texte, Sprache, Bilder und Kontexte gleichzeitig verstehen, verarbeiten und miteinander verknüpfen.
(Bildbeschreibung Aufmacherbild: Gero Büskens (links) im Gespräch mit Jeannette Kapere (rechts) in der Geschäftsstelle des KSL.Düsseldorf. Im Hintergrund: ein Roll-Up des KSL.Düsseldorf mit blau-braunen Kacheln).